Wirtschaft an Schulen & Scheinstipendien
Wie nun schon die Schulzeit von der Wirtschaft vereinnahmt wird

 

In der Regionalausgabe des schueler stipendium weissensee400Anzeigenblatts "Berliner Woche"  für den Stadtteil Weißensee (Autor Bernd Wähner) findet sich ein kurzer Artikel über die Vergabe von "Stipendien" aus der Wirtschaft an Schüler einer staatlichen Schule.
Im Folgenden soll aufgezeigt gezeigt werden, was das bedeutet und wie das Bildungssystem dadurch weiter ökonomisiert wird.



 

"Zwölf Schüler der Heinz-Brandt-Schule können mit einem Stipendium ins zweite Schulhalbjahr starten. Ausgezahlt wird es ihnen vom Wirtschaftskreis Pankow.
Dieser setzt im siebten Jahr sein Projekt „Schülerstipendien“ mit dieser Integrierten Sekundarschule fort. Mit dem Wettbewerb sollen Schüler zu außergewöhnlichen Leistungen motiviert werden. An einem Auswahltag kurz vor den Winterferien stellten sich insgesamt 32 nominierte Schüler einem Aufgabenparcours und Interviews mit Mitgliedern des Wirtschaftskreises. Darunter waren auch Personalmanager von Pankower Unternehmen."

 

Stipendien sollten eigentlich den Zweck haben, Menschen in Ausbildung zu finanzieren, die nicht mehr bei ihren Eltern leben und daher für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen. In diesem Fall ist das Wort Stipendium irreführend, denn es handelt sich bestenfalls um ein zusätzliches Taschengeld für Kinder, die noch zu Hause leben und nicht auf das Geld angewiesen sind.

Das Problem: An die Stelle der Eigenmotivation aus Interesse an Lerninhalten soll nun Geld bezahlt werden, damit die Schüler zu "außergewöhnlichen" Leistungen motiviert werden. Das ist mehr als fragwürdig, zumal die Schüler damit lernen, "Leistung" in "Geld" umzurechnen, anstatt zu lernen, daß sie sich mit dem verwirklichen können, was sie interessiert. Und zwar unabhängig davon, ob andere dies als außergewöhnlich ansehen, oder nicht.

Mit diesem Programm können sich "Personalmanager von Pankower Unternehemen" offenbar ganz billig Einkaufen und für ihre Wirtschaftsdoktrin an einer staatlichen Schule werben.

 

"Nominiert für das Stipendium waren Schüler der Klassenstufen sieben bis zehn. Diese lieferten in den vergangenen Wochen außergewöhnliche Leistungen ab. Dabei ging es nicht nur um rein schulische Leistungen, sondern auch um soziales Engagement.
Zwölf Schüler von ihnen erhalten im zweiten Schulhalbjahr ein Stipendium. Dieses beträgt monatlich 30 bis 50 Euro. Bis in den Juli hinein werden die Schüler außerdem zu Veranstaltungen eingeladen, bei denen sie Pankower Unternehmer kennenlernen können. Zehn Unternehmen spendeten zur Finanzierung des Projektes über den Förderverein der Schule die für die Stipendien nötigen Gelder."

 

Auch soziales Engagement wird hier in Bargeld ausgezahlt. Man "kauft" sich also somit ein Engagement der Schüler. Auch diese Lenkung durch Marktkräfte und Wettbewerb ist vollkommen abstrus: Menschen sollten aufgrund ihrer politischen Bildung und moralisch-politischen Überzeugungen dazu gelangen, sich zu engagieren, und nicht darüber, daß sie Geld dafür bekommen.

Dazu kommt, daß ein zusätzlicher Wettbewerb zwischen den SchülerInnen entsteht, der über den ohnehin schon vorhandenen Noten-Wettbewerb einer staatlichen Schule hinausgeht. Wettbewerb ist aber das Gegenteil von Solidarität. Die Kinder lernen damit also eher, sich gegenüber anderen durchzusetzen, anstatt, gemeinsam und kooperativ an Lösungen für unsere Gesellschaft zu arbeiten.

 

"Mit seinem Stipendienprojekt möchte der Wirtschaftskreis erreichen, dass Schüler und Lehrer mehr darüber erfahren, was Unternehmen für Ansprüche an künftige Azubis und Mitarbeiter haben. Außerdem wollen die Unternehmer Berührungsängste abbauen. Der Vorteil für die beteiligten Unternehmen: Sie können durch persönliche Kontakte künftige Auszubildende mit sozialer Kompetenz kennenlernen.
Weitere Informationen gibt es auf www.unternehmerkreis.de."

 

Neben der Wettbewerbsdoktrin und dem Wirtschaftlichkeitsdenken, daß die regionalen Unternehmen in die Schule tragen, spielen natürlich Rekrutierungsinteressen im Lichte des Mangels an Nachwuchs für die Wirtschaft eine Rolle. Sonst würden sich die Unternehmen die Mühe nicht machen. In gewisser Weise ist dieses Programm also ein vorgelagertes Bewerbungsgespräch mit Schülern. Wie sich die Neoliberalen aus Pankow-Weißensee das alles vorstellen, erläutern sie auf der genannten Internetseite (siehe hier). Es gehe ihnen darum: "Schüler und Lehrer entwickeln Realitätssinn für die Ansprüche der Wirtschaft und bauen ihre Berührungsängste ab." Im Übrigen sollen auch die Lehrer selber im Rahmen dieses Programms beeinflußt werden: "Lehrer* gehen für einige Tage in die Pankower Unternehmen".

Letzen Endes geht es also neben der Rekrutierung darum, die eigene Ideologie von Wettbewerb und Wirtschaftswachstum als Ziel aller gesellschaftlicher Anstrengungen in den Köpfen der Kinder zu verankern, die man über derlei Programme indoktriniert.
Es ist ein Skandal, daß sich Schulen wie die Heinz-Brandt-Schule zu solchen Lobby-Aktionen hinreißen lassen. Denn der Auftrag des öffentlichen Bildungssystems sollte sein, frei denkende, persönlichkeitsstarke und emanzipierte Individuen hervorzubringen. Und keine "Lohnsklaven der Wirtschaft" in einer materialistischen Welt, in der sich alles um Statussymbole und künstlich geschaffene Konsumwünsche dreht und in der schon Kinder ihre Lebensläufe tunen müssen, um überleben zu können.
Die Trennung zwischen Bildung und Wirtschaft muß eingehalten werden, um jeglichen Einfluß der Wirtschaft auf Lehrpläne und Persnölichkeitsentwicklung an den Schulen zu verhindern.

 

 

 
Leseempfehlung: Buch über die Ökonomisierung unseres Alltags...

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Neoliberalyse -
Über die Ökonomisierung unseres Alltags


Verlag: Mandelbaum Verlag, Wien 2014.
Autor Christopher Stark
ISBN Nr. 9783854766353.


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