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neolib-pfeil72  Spiegel Online/Manager Magazin | 04.08.2010 | Link

"Nicht geschimpft ist Lob genug"

"Plädoyer für Härte im Job"
 

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Strengste Disziplin: Sollte ein Chef immer nur freundlich mit den Mitarbeitern sprechen? - Disziplin und Kontrolle statt Eigenverantwortung und netter Worte: Nur so kann eine Firma im Wettbewerb bestehen, glaubt Sachbuchautor Roland Springer. Im manager-magazin-Interview erklärt er, warum Chefs ihre Mitarbeiter streng erziehen sollten - und warum liberale Führungsmodelle gescheitert seien.

Manager-Magazin: Herr Springer, warum muss man Erwachsene noch erziehen?

Springer: Weil wir uns in der Wirtschaft auf verschärften Wettbewerb einstellen müssen. Die Anforderungen werden immer komplexer, die Konkurrenz immer kostengünstiger. Unternehmen brauchen effiziente und fehlerlose Prozesse, wenn sie da mithalten wollen. Und wenn an diesen Prozessen Menschen beteiligt sind, dann ändert man nur mit Disziplin etwas.
Die Mitarbeiter müssen genau definierte Standards einhalten: welches Auftragsformular wie auszufüllen ist, welche Information wann weitergegeben werden muss. So vermeidet man Fehler, die zu Zeitverlust und höheren Kosten führen.

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"Verschärfter Wettbewerb" ist ein typisches Argument, mit dem im Neoliberalismus Erpressungsdiskussionen angestoßen werden. "Wenn ihr euch nicht ausbeuten/kontrollieren laßt, dann werden wir vom Wettbewerb überrollt und ihr verliert eure Arbeit".
Die Behauptung, die bei der Nennung des Wettbewerbs-Argumentes mitschwingt ist die, daß Firmen hierzulande in eine Art Überbietungswettbewerb mit autoritären und vermeintlich effektiveren Volkswirtschaften eintreten müsse. Angeblich ist ein autoritär-turbokapitalistisches Wirtschaftssystem, wie es etwa in China besteht, leistungsfähiger. Zweifel hieran sind wohl mehr als berechtigt.

Die Einforderung "fehlerloser Prozesse" menschlicher Arbeit ist eine vollkommen absurde Forderung, denn Menschen sind systembedingt nicht fehlerlos. Wer relativ fehlerlose und einfach kontrollierbare Prozesse möchte, muß eine Maschine installieren anstatt einen Menschen einzustellen.
Darüber hinaus möchte Herr Springer seinen Mitarbeitern jegliche Ermessensspielräume und jede Freiheit nehmen. Dies wird unweigerlich zu unmotivierten Mitarbeitern führen, die ihre Firma hassen oder sich in die unproduktive Resignation flüchten. Genau das führt dann zu höheren Kosten. Ganz zu schweigen von der Grausamkeit eines solchen Arbeitsplatzes für die Mitarbeiter.

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Manager-Magazin :  Aber muss man gleich von Erziehen sprechen?

Springer: Wenn sich die Mitarbeiter falsche Verhaltensweisen angewöhnt haben, dann muss man sie umerziehen. Das gehört zum lebenslangen Lernen dazu, ob es einem gefällt oder nicht. 

 
Manager-Magazin : Klingt autoritär...

Springer: Autoritär war die Führungskultur in den sechziger Jahren. Dahin will ich nicht zurück. Früher bekam man Vorgaben und hatte danach zu arbeiten. Heute müssen die Regeln mit den Mitarbeitern zusammen entwickelt werden. Denn nur die haben ja im Detail das Wissen, wie die Prozesse funktionieren. Das liberale Führungsmodell, das in den letzten 20, 30 Jahren galt - laufen lassen und hoffen, dass der Mitarbeiter aufblüht - das funktioniert in der heutigen Wirtschaftswelt nicht mehr.

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Die Vorstellung, man müsse oder könne volljährige Angestellte erziehen, zeugt vom Fehlen einer psycholgisch-pädagogischen Allgemeinbildung. Lebenslanges lernen mit despotischer Bevormundung zu verwechseln ist auch ein starkes Stück und eine Anmaßung. Lernen und eigenständiges Denken können nur aus einer selbstbestimmten Beschäftigung mit Inhalten erwachsen.

Natürlich ist das Ganze autoritär. Die Kooperation, das Erstellen gemeinsamer Regeln ist nur ein Vorwand, um den Vorwurf des Autoritarismus an der Oberfläche zu entschärfen. Daß es in der heutigen Wirtschaftswelt keine Alternative hierzu gebe ist zudem eine unbelegte Behauptung.

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Manager-Magazin : Also müssen die Mitarbeiter an die kurze Leine?

Springer: Es geht darum, Standards zu trainieren und auf ihre Einhaltung zu achten. Jogi Löw macht die ganze Zeit nichts anderes. Damit sein Fußballteam unplanbare Prozesse beherrschen kann, schaut er sich jeden einzelnen Spieler an: Spielt der die Freistöße oder die Flanke so, wie er sie spielen soll? Das akribische, fehlerfreie Arbeiten muss sitzen.  

 
Manager-Magazin : Und wie bringt man es den Mitarbeitern bei, die Standards einzuhalten?

Springer: Indem man Grundsätze formuliert und beispielsweise systematisch auf Ordnung und Sauberkeit hinweist. Und indem man immer wieder deutlich macht, dass die Einhaltung dieser Standards der Geschäftsführung sehr wichtig ist. Leider ist es vielen Führungskräften unangenehm, hinter ihren Mitarbeitern her zu sein. Das lernen die in ihrer Ausbildung auch nicht. In den Curricula von Führungskräfteschulungen in Deutschland werden Sie nicht einmal das Wort "Disziplin" finden.

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Standards haben ihre Berechtigung - etwa wenn es um die Größe von Schrauben und Gewinden geht. Wenn es um die Organisation von Arbeitsprozessen geht auch zum Teil. Aber wenn es um die Art und Weise geht, wie der einzelne Mitarbeiter oder die einzelne Mitarbeiterin sich selber organisiert, dann muß auch eine freie Umsetzung von Arbeitsschritten unter Berücksichtigung der verschiedenen Persönlichkeiten möglich gemacht werden! Das exakte Vorschreiben jeden kleinen Arbeitsschrittes wird lediglich zu Widerstand führen. Ein kleines Bißchen Subsidiaritätsprinzip muß auch am Arbeitsplatz gelten.

Die ewigen Fußballvergleiche sind derart ausgelutscht, daß die Erwähnung die Schamesröte ins Gesicht treiben müßte. Klar - jeder Mitarbeiter in einem Unternehmen hat ein bestimmtes Aufgabenspektrum. Wie beim Fußball. Na und?

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Manager-Magazin :  Würden Sie behaupten, den Mitarbeitern gefalle Disziplin?

Springer: Wenn erst einmal die Probleme auf den Tisch kommen und dann Regeln für den Umgang damit entwickelt werden - dann sind viele regelrecht begeistert. Denn sie haben ja zuvor immer die Probleme ausbaden müssen. Viele Mitarbeiter ärgern sich jeden Tag, wenn die Dinge nicht funktionieren.

Ich habe noch nie erlebt, dass größere Teile der Belegschaft sich gegen mehr Disziplin stellen. Dass eine verschärfte Kontrolle zu Problemen führt, das kann natürlich passieren. Aber Fußballtrainer werden ja auch nicht immer nur freundlich mit ihren Mitarbeitern sprechen. Da geht es auch mal richtig zur Sache.

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Die Behauptung, Widerstand gegen Verschärfungen der Kontrole und Disziplinierung in Unternehmen stoße nie auf Widerstand ist absurd. Mag sein, daß in den Firmen, in denen Herr Springer sein Unwesen treibt, die MitarbeiterInnen so viel Angst oder fehlendes Selbstbewußtsein haben, daß dort so etwas nie thematisiert werden kann...

Der Vergleich zum Fußball ist absurd. Auch ein Trainer muß fair und freundlich sein. Motivation statt Druck ist hier das Stichwort.

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Manager-Magazin :  Vertrauen ist also von gestern und Kontrolle besser?

Springer: Unter den heutigen Bedingungen: ja. Ich bin felsenfest davon überzeugt: In den Investmentbanken weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut. Auch das ist ein Grund für die Finanzkrise. Die haben nicht nur die Produkte nicht mehr verstanden, sondern auch die Prozesse. Natürlich muss eine Führungskraft auch selbst Disziplin an den Tag legen und nicht nur kontrollieren. Eine Führungskraft, deren Büro ein Sauladen ist, muss nicht anfangen, von Ordnung und Sauberkeit zu reden.
 

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Die Interpretation, Grund für die Finanzkrise sei der Umstand, daß die Bänker ihre Unternehmen nicht im Griff hätten und ihre eigenen Produkte nicht verstünden, greift wohl ein wenig zu kurz. Hier liegen auch strukturelle und regulationspolitische Probleme vor: Zum einem der wahnsinnige Renditewahn und zum anderen der Umstand, daß mit Produkten gehandelt wird, die inexistent sind (etwa mit Wetten auf Wertverluste- oder Gewinne einzelner Aktien). Mangelnde Autorität von Chefs ist ganz bestimmt kein Grund.

Kontrolle bzw. Mitarbeiterüberwachung ist (mit gutem Grund) in Unternehmen hierzulande verboten. Diese Grund- und Menschenrechte von ArbeitnehmerInnen will Springer mit seinem Buch und durch seine Forderungen ganz gezielt untergraben. Dabei versucht er, die "Sozialschmarotzerdebatte" eines Hartzschen Neoliberalismusgedankens auf ArbeitnehmerInnen zu übertragen. Mißtrauen, Kontrolle und Überwachung soll nun auch in weiteren Gesellschaftsbereichen Einzug halten, denn die MitarbeiterInnen handelten nur im kurzsichtigen Eigeninteresse, also zu Ungunsten ihrer jeweiligen ArbeitgeberInnen.

Wir meinen: Vor 200 Jahren wäre dieses Buch vielleicht modern gewesen. Heute ist es lediglich reaktionär und nicht besonders originell. Zum Glück ist es vermutlich sogar den meisten Neoliberalen zu einseitig, als daß diese "Ideen" weiter Beachtung finden werden dürften. In der Radikalität der Arbeitgeberinteressenvertretung und dem allgemeinen Trend zur Mitarbeiterüberwachung dürften Neoliberale diese Ansätze aber wohl begrüßen.

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Journalistisches Manager-Magazin: Nicht geschimpft ist Lob genug