„Ich & Ich“ aus dem Jahr 2005
Ich & Ich – „Umarme mich“
Analyse des Liedtextes von „Umarme mich“

 

Meine Gedanken sind weich
Meine Augen tun weh
Ich hab heut genug gehört und genug gesehen
Das war ein echt harter Tag kein Kinderspiel
Es waren tausend ProzentUnd von allem zu viel
Ich hab nen knochenharten Job
Mein Geist ist total leer
Meine Kraft ist am Ende
Ich kann nicht mehr
Vom Ehrgeiz getrieben
Hätte ich nie gedacht
Es weht ein eiskalter Wind
In den Häusern der Macht
Umarme mich
Leg meinen Kopf in deinen Schoss
Beruhige michUnd lass mich nicht mehr los
Gib mir von deiner Energie
Ich stehe als Bettler hier vor dir
Schau mich an
Ich hab es weit gebracht
Ich bin umgeben von Symbolen –Symbolen der Macht
Ich wollte immer nach oben
So lang ich denken kann
Ich gebe immer mein Bestes
Ich streng mich an
Aber Glück wird bestimmt
Von fremden Gnaden
Ich weiss es hängt alles am seiden Faden
Umarme mich
Leg meinen Kopf in deinen Schoss
Beruhige mich
Und lass mich nicht mehr los
Gib mir von deiner Energie
Ich stehe als Bettler hier vor dir
Umarme mich
Hol mich in eine andere Welt
Beruhige mich
Sag das du zu mir hältst
Gib mir von deiner Energie
Ich stehe als Bettler hier vor dir
[… Wiederholungen des Refrains]

 

In diesem Lied beschreibt ein Ich-Erzähler seine1 Arbeit, seine Werte und das Verhältnis zu sich selbst. Die Person adressiert dabei eine andere Person, die Lebenspartner(in) zu sein scheint. Es könnte sich aber auch um eine sehr nahe­stehende Person, etwa aus der Familie, handeln.
Der Ich-Erzähler sagt von sich, karriereorientiert und entsprechend der eigenen Wahrnehmung auch erfolgreich zu sein („Vom Ehrgeiz getrieben“, „es waren tausend Prozent“, „ich hab es weit gebracht“). Er äußert den Wunsch, von seiner emotionalen Bezugs­person getröstet zu werden.
Der Text beschreibt ein widersprüchliches Verhältnis des Ich-Erzählers zu sich selbst: Seine Umwelt, vor allem seine Arbeit „da draußen“ beschreibt er als unwirtlich und hart und damit eher negativ. Andererseits betont er, er habe sich jene Umgebung bewußt auswählt. Mit „ich gebe immer mein bestes“ sagt er im Prinzip, daß er nach wie vor Teil dieser Leistungsge­sell­schaft sei. Es könnte natürlich auch sein, daß es sich um einen verhältnismäßig armen Men­schen han­delt, der um sein Überleben kämpfen muß. Dagegen sprechen aber die Begriffe „Ehrgeiz“, „ich wollte immer nach oben“ und „um­geben von Symbolen der Macht“.
Die emotionale Bezugsperson scheint nicht Teil der Leistungsge­sell­schaft zu sein. Schließlich heißt es: „Gib mir von Deiner Energie“. Eine Energie, über die man an­scheinend nur dann verfügt, wenn man außerhalb steht.
In dieser Inter­pretation liegen gleich mehrere kritische Aspekte. Zum einen könnte dies ein Hinweis auf eine klassische Rollenverteilung einer Beziehung sein. Etwa in der Form des ehrgeizigen Geschäftsmannes, der nach Hause kommt zu seiner (Haus)Frau. Eine weniger reaktionäre Auslegung wäre, daß die Bezugs­person ein Mensch ist, der außerhalb der Arbeitswelt steht, etwa aufgrund des Alters oder der Lebens­umstände. Es könnte sich also um ein Kind oder eine Person im Rentenalter handeln, die nicht im Arbeits- oder Bildungssystem „konkurriert“ und sich daher in einer beschützten Lebenswelt befindet. Die Aussage „ich steh als Bettler hier vor Dir“ soll vermutlich den Kontrast zwischen der beschriebenen Position von Macht im Beruflichen und der emotional geschädigten Situation als fühlender Mensch aufzeigen.
Den Satz „aber Glück wird bestimmt von fremden Gnaden. Alles hängt am seid­nen Faden“ mag der Ich-Erzähler auf sich und seine Karriere beziehen. Hierfür sprechen auch die Sätze „ich wollte immer nach oben / ich gebe immer mein Bestes / ich streng mich an“. Er würde hiermit folglich aussagen, daß es gleich­gültig sei, ob man „immer sein bestes gibt“ daß also der Weg nach oben von anderen Faktoren abhinge. Hiermit könnte eine sozial undurchlässige Stände­gesellschaft gemeint sein, in der soziale Rollen für bestimmte Bevölkerungs­gruppen von vornherein festgelegt sind. Vielleicht kommt der Protagonist auch aus einer konservativ-leistungsorientierten Anwaltsdynastie, in deren Rahmen ihm keine Wahl gelassen wird, außer stets volle Leistung zu geben. Dieser Satz offenbart aber auch eine zutiefst unpo­litische und unaufgeklärte Haltung: Wer bestimmt denn die „fremden Gnaden“? Sein Arbeitgeber? Sein Vater? Die Wirt­schaftslobbies? Die Politik? Die Frage wird nicht gestellt und nicht beantwortet. Und so bleibt auch im Dunklen, weshalb sich dieser Mensch den beschriebenen Qualen unterzieht, weshalb er „nach oben“ möchte, wieso er sich freiwillig in ein Klima begibt, in dem ein „kalter Wind“ weht und er umgeben ist von „Symbolen der Macht“. Die Macht, oder auch nur der Versuch, die Verhältnisse zu ändern, scheint bei all der Symbolik nicht vorhanden.
Der Ich-Erzähler ist eine widersprüchliche Figur und verkörpert einen stereotyp-karriere­orientierten Zeitgenossen damit sehr gut. Die Person weiß, daß sie nach oben will, definiert aber nicht, was sie oben will und sehnt sich nach der Wärme der nahestehenden Person, die unten bzw. danebensteht. Dabei scheint die Karriere­person zu leiden, jedoch ist nicht erkennbar, daß sie etwas an ihrer Situation ändern möchte. Es muß also vermutet werden, daß dieser Mensch entweder unfähig zur Selbstkritik ist oder einem pathologischen Aufstiegszwang folgt. Man kann diese Haltung auch als unpolitisch bezeich­nen, da einerseits über die Umstände geklagt wird, diese aber nicht in Frage gestellt werden und daher auch keinerlei Konsequenzen für das eigene Leben gezogen werden. Die Verhältnisse werden akzeptiert, wie sie sind und eine positive Lebensperspektive scheint für den Ich-Erzähler nicht in Sicht.

 

1 Das Geschlecht des Ich-Erzählers wird nicht genauer spezifiziert. Zugunsten der Einfachheit der Formulierungen soll hier von ihm oder ihr im Maskulinum gesprochen werden.

 

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