Bildung bewegt mehr als sie denken
Wie sich ein technokratisches Bildungsideal unterbewußt in der Bildsprache eines Werbeplakats manifestiert

 

bildung bewegt

 

Das auf einem Arbeitsamt/Jobcenter in Hamburg hängende Plakat zeigt vor einem blauen Hintergrund eine Vielzahl verschiedenfarbiger, ineinandergreifender Zahnräder. Die Gesamtform aller Zahnräder hat die Umrisse dessen, was vermutlich als menschliches Gehirn gedeutet werden soll. Unter diesem stilisierten Gehirn steht der Spruch "BILDUNG BEWEGT MEHR ALS SIE DENKEN - 2. Hamburger Bildungskiez - Die Hamburger Weiterbildungsmesse!"


Warum ist das neoliberal?

Die hier gewählte Darstellung eines menschlichen Gehirns ist entweder bewußt oder unbewußt neoliberal.
Was ist das menschliche Gehirn und wie funktioniert es? Es handelt sich nicht wie hier dargestellt um ein perfekt abgestimmtes, mechanisches Gerät oder eine Maschine, die nach einem festen Bauplan entworfen und gebaut ist, sondern es handelt sich um einen Körperteil, der sich über Jahrmillionen und ohne geordnete Steuerung im Zuge der Evolution entwickelt hat. Alles andere als Rationalität oder technisches Genie sind Grundlage seiner Existenz und Funktion.
Das Bild suggeriert jedoch mit dieser Darstellung, daß Gehirn sei berechenbar, definierbar, ja steuerbar.
Überträgt man diese Aussage auf den Zweck des Plakates, nämlich des Bewerbens einer Weiterbildungsmesse, muß von einem vorliegenden technokratischen Verständnis von Bildung ausgegangen werden.
Dies paßt wiederum gut in den Zeitgeist neoliberaler BildungspolitikerInnen und Institutionen. Auch hier wird Bildung als die Summe von Wissen angesehen, wie etwa bei der Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre, der Einführung verschulter, modularer BA-MA-Studiengänge oder der Einführung eines Zentralabiturs deutlich wird. Alle diese Maßnahmen schränken die Freiheit des Individuums ein (und damit auch die freie Entwicklung und Funktion des hier dargestellten Organs), verringern die Vielfalt und tragen insgesamt zu einem viel stärker standardisierten Wissens- und Lernprozeß bei und haben das Ziel, erhöhte Konformität und berechenbarkeit von Menschen hervorzubringen.

Das hier dargestellte Gehirn und der dazugehörige Mensch werden möglicherweise exzellent im Bereich der Mathematik oder anderer Naturwissenschaften als Experte mit Tunnelblick einsetzbar sein. Aber Bildung ist viel mehr als reine Logik und reines Wissen! Kultur, Kreativität und Kritik erwächst nur aus einem Geist (beziehungsweise einem Gehirn), der frei und mündig ist, dessen Lernprozesse individuell gelenkt, zum Teil zufällig vonstatten gehen und nicht von einem statischen System vorgegeben werden.

Wir meinen:   Für Menschenwürde, echte kritische Bildung und intellektuelle Freiheit ist ein anderes Bildungsverständnis notwendig! Das hier dargestellte führt in eine Sackgasse angepaßt, unkreativen Humankapitals. Was wir brauchen, ist das Gegenteil: Eine Gesellschaft frei denkender Menschen!


 

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