neolib-pfeil72 Deutschlandfunk / Campus & Karriere vom 29.09.2010/ Susanne Lettenbauer Lieber München als Harvard

"Spitzenwissenschaftler kehren zurück nach Deutschland"...

 

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Deutschland holt auf im Rennen um die klügsten Köpfe. Top-Wissenschaftler kehren aus Harvard, Berkeley oder New York zurück an deutsche Universitäten. Angelockt werden sie von guten Forschungsbedingungen und Förderprogrammen der DFG und der EU.

Weißer Kittel, ein Stethoskop in der Tasche, froschgrüne Klinikschuhe - Professor Steffen Maßberg sieht aus wie ein ganz normaler Klinikarzt. Der einzige Unterschied: Er kommt aus Harvard, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Pathologie der Harvard Medical School. Der heutige Leiter des Fachgebiets Kardiovaskuläre Biologie der TU München hatte vor drei Jahren alle Möglichkeiten, in den USA eine Karriere als Forscher zu machen. Doch er entschied sich lieber für eine Professur in München:

"Also der Hauptbeweggrund war, dass ich hier besser als in den USA die Möglichkeit gesehen habe, meine klinischen Interessen weiter zu verfolgen und parallel wissenschaftlich aktiv zu sein. Das ist eine Konstruktion, die zwar in den USA auch möglich ist, aber nicht so gut organisierbar, wie es hier geht.

 

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Welches "Rennen" um welche "klügsten Köpfe" ist denn gemeint? Wer hat gesagt, daß es überhaupt einen Wettlauf gibt? Wer sind überhaupt "Top-Wissenschaftler"? Dieser Artikel startet erstmal mit einem Haufen Neoliberaler Prämissen, die wir  der Autorin zunächst einmal ganz einfach abkaufen sollen.

Dann wird ein Mediziner beschrieben, der sich seinen Forschungsstandort für Leben und Arbeit aussucht wie ein Unternehmen eine Ausschreibung für einen neuen Standort durchführt: Er schaut, wo die nach seiner Definition besten Bedingungen für seine Tätigkeit sind. Keine Rolle spielt für ihn angeblich (wie für die meisten Menschen) Familie/Freunde/Soziales Umfeld, Kultur, Lebensqualität eines Landes u.s.w. . Er wird also als rein rational, als ein Homo-Ökonomikus dargestellt, der kühl abwägt und sein Leben am Beruf ausrichtet.

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[...]Deutschland hat aufgeholt, Deutschland und auch die EU haben mittlerweile verstanden, dass man was tun muss, um die Leute wieder zurückzuholen. Das ist sicherlich nicht deswegen, weil das Leben in Europa so scheußlich ist. Aber es gab bis vor ein paar Jahren nicht so sehr gute Förderinstrumente, um die Leute auch wieder zurückzuholen. Es gibt jetzt einige Fördermaßnahmen, die sehr wichtig sind."

Die Systembiologin Ulrike Gaul kann dem nur zustimmen. Als Studentin ging sie in die USA und blieb. Machte Karriere und ist jetzt nach 20 Jahren wieder zurückgekommen. Die Gründe: "Man ist offener, es gibt mehr Bewegung im System, spannendere Sachen, auch mehr Geld für die Forschung und so weiter. Also es gibt viele Indikationen, dass Deutschland seine Rolle als Wissenschaftsstandort jetzt auch versucht, ernst zu nehmen."
Wer an der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität von Ulrike Gaul spricht, tut dies nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht. Vor zwei Jahren bekam sie fünf Millionen Euro, ihr Preisgeld für eine Alexander-von-Humboldt-Professur, dem höchst dotieren Forschungspreis Deutschlands.
Die 50-Jährige lehrte seit 1993 an der Rockefeller-University von New York, forschte an der Universität von Berkeley. Seit dem vergangenen Studienjahr arbeitet sie am Münchner Center for Integrated Protein Science Munich (CIPSM) und baut am Genzentrum der LMU das Zukunftsfeld der Systembiologie auf. Sie hat sich nie darum beworben, sondern wurde abgeworben - eine für Deutschland neue, in den USA übliche Maßnahme der Universitäten im Kampf um die Spitzenköpfe.

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Die Wortwahl von "aufholen" impliziert den internationalen Wettbewerb um "Köpfe" in welchem sich die Bundesrepublik und Europa angeblich befinden.
Was macht einen guten Wissenschaftsstandort aus? Viel Geld für einzelne, als besonders "spitzenmäßig" angesehene Personen. Nun werden Wissenschaftler mit Bestechungsgeldern von anderen "Wissenschaftsstandorten" abgeworben. Wer gewinnt aber durch ein solches Abwerben? Die geworbene Person, sonst niemand. Schließlich kann sie ebensogut wieder zurückgeworben werden. Und der Mittelaufwand für das Ab- An- und Abwerben sollte man lieber in das Schaffen einer ganz normalen Stelle für einen ganz normalen wissenschaftlichen Mitarbeiter oder eine Mitareiterin stecken. Denn: Gute Leute gibt es überall - und nein - es sind nicht immer die geldgierigen StreberInnen die ihr Leben nach Wissenschaftsstandorten ausrichten.

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Die Leute sind auf mich zugekommen, vor allem Patrick Kramer, der Leiter des Münchner Genzentrums, um eine bestimmte Funktion auszuüben und eine Stelle zu besetzen, die im Rahmen der Exzellenzinitiative geschaffen wurde, die in Richtung Systembiologie arbeitet. Das fand ich sehr spannend, auch als Aufgabe fand ich das spannend. Dann kam noch die Humboldt-Professur dazu. Da war natürlich ein sehr gutes Paket. An offer I couldn't refuse."
Der Biochemiker Dirk Trauner wechselte 2008 von Berkeley nach München an die LMU-Fakultät für Chemie und Pharmazie. In den USA war er zuletzt in der Bewilligungskommission für Forschungsprojekte. Nur neun Prozent der Anträge konnten 2008 noch bewilligt werden. Bei der Deutschen Forschungsgesellschaft sind es circa 30 Prozent:

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Warum ist denn alles in den letzten Jahren besser geworden? Jetzt kommt die Auflösung: Angeblich wegen der Exzellenzinitiative. Im Zuge dieser Eliteförderungsmaßnahme treten deutsche Universitäten seit einigen Jahren in einen Wettbewerb um staatliche Fördermittel, die Unis mit den nach den Kriterien des Bundesforschungsministeriums besten Bedingungen für bestimmte Fachbereiche bekommen dann mehr Mittel, was im Prinzip auf Kosten der anderen Universitäten geht, die leer ausgehen.
Es kommt so zu einer Polarisierung, zu einer Anhäufung von Finanzmitteln an einigen Universitäten. Letztlich soll dies sogenannte Exzellenzinitiative auch dazu führen, daß sich Universitäten "Profile" geben. Dies bedeutet, daß sie sich auf bestimmte Fachrichtungen konzentrieren und andere Fachrichtungen (in denen sie angeblich nicht "excellent" sind) entweder komplett abwickeln, oder ihnen Mittel zugunsten der "excellenten" Fachbereiche kürzen.

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Was besser ist, dass ich eine große Zahl von permanenten Stellen habe, die mich durch Krisenzeiten leiten können. Dieses ständige Auf und Ab im Fundingsystem, das sie in den USA haben, wo sie in guten Zeiten viel Gelder einsammeln können, die dann in schlechten Zeiten einfach verpuffen, das ist in Deutschland gedämpft durch das deutsche Fundingsystem, weil sie einfach eine gewisse Zahl von permanenten Stellen, von gewissen Positionen haben, mit denen sie machen können, was sie wollen. Da schreibt ihnen kein Programmofficer vor, woran sie forschen sollen. Sie haben absolute Forschungsfreiheit."

Alle größeren deutschen Universitäten können mittlerweile einen Heimkehrer präsentieren. Eine Win-win-Situation für alle Seiten: Das Renommee deutscher Universitäten steigt, die Rückkehrer bringen das Flair amerikanischer Lebens- und Arbeitsweise mit. Und: Die Studierenden erhalten viel häufiger die Möglichkeit, in den USA zu forschen, so der Harvard-Rückkehrer Steffen Maßberg.

"Einer meiner Studenten, ein sehr guter Student, ist in dem MdPhd-Programm der TU München. Er wird dort für ein Jahr in dem Labor arbeiten, wo ich gearbeitet habe in den USA.

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Interessanterweise werden hier im ersten Absatz genau diejenigen "alten Tugenden" des deutschen Universitätssystems bejubelt (Freiheit der Forschung, Unabhängigkeit von Markt und Konjunktur), welche paradoxerweise gerade von den Hochschulreformen der letzten Jahre zurückgefahren werden! Gerade die verstärkte Drittmittelfixierung wirkt eben dieser Freiheit zugunsten einer stärker marktorientierten Forschung zuwider. Auch das BA-MA System kann im Großen und Ganzen hauptsächlich als Anpassung an ökonomische Interessen gesehen werden. Mit wissenschaftlicher Freiheit haben diese Studierenden nicht mehr so viel zu tun. Das ist auch nicht gewollt. Die breite Masse soll für den Arbeitsmarkt qualifiziert, die schmale Elite jedoch mit allen erdenklichen Privilegien und Vorteilen ausgestattet werden.

Im nächsten Absatz wird der "Rückfluß nationalen Humankapitals" als "Win-Win-Situtation" abgefeiert, obwohl dieser nun doch eindeutig auf Kosten der US-Amerikanischen Wissenschaftslandschaft gehen dürfte! Hier wird die Widersprüchlichkeit der Wettbewerbsideologie deutlich. Man feiert "nationale Erfolge" auf Kosten anderer Volkswirtschaften und tut dennoch so, als ob alle gewännen.

Dann wird widerum das "Flair [US-]amerikanischen Lebens" pauschal als großartig beschworen. Warum eigentlich? Was ist denn so überlegen an diesem "Flair"? Das wird hier nicht gesagt. Es darf aber vermutet werden, daß die allgemeine unkritische Bewunderung alles Angelsächsischen
(Mythen vom dort vorherrschenden Wirtschaftsliberalismus, einer angeblich größeren persönliche Freiheit u.s.w.) der Neoliberalen hier eine Rolle spielt.
Auch die Arugmentation ist verquer: Weil ein Wissenschaftler den USA den Rücken wieder kehrt, bereitet er den Weg für weitere Deutsche, die dort forschen können. Wieso?

Wir sagen: Insgesamt handelt es sich bei diesem journalistischen Text um ein ganz typisches Machwerk des bildungs-neoliberalen DLF-Magazins Campus & Karriere. Es wird über Entwicklungen diskutiert, aber stets durch eine Brille des neoliberalen Zeitgeistes betrachtet. Willkürliche Setzungen neoliberaler Ideologie wie der "Wettbewerb um Humankapital", die Überlegenheit der "Elitenförderung" gegenüber der Breitenförderung u.s.w werden hier nicht nur nicht in Frage gestellt, sondern nicht einmal als solche benannt. In anderen Worten: Die Autorin sieht nur eine Oberfläche auf der sie ein Wenig herumkratzt. Das ist traurig. Gerade für eine Sendung des sonst doch recht anspruchsvollen Deutschlandfunks.

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