Kein Freund der Mittelmäßigkeit
Analyse eines neoliberalen Kurzartikels

 

UniSPIEGEL 03/2008 / Link:

„Sebastian Ebert ist ein erklärter Feind der Mittelmäßigkeit. „Ich will jetzt wirklich nicht arrogant klingen“ sagt der 25-Jährige und lädt sich am Hotel-Büffet spanische Vorspeisen auf den Teller. „Aber ich habe keine Lust, neben Durchschnitts-BWLern in irgendeinem beliebigen Unternehmen zu arbeiten.“ Dafür habe er nicht Mathematik und VWL im Doppelpack studiert und stecke nun viel Zeit und Arbeit in seine Promotion. An der Bonn Graduate School of Economics macht Ebert derzeit seinen Doktor in Finanzwissenschaft und Statistik. Seine akademischen Noten sind exzellent, sein Lebenslauf tadellos. „Ich will nur mit den Besten zusammenarbeiten“, sagt er.“ [...]  

 
pfeil-antineolib72 Aus diesen Worten spricht ein reaktionäres Ständedenken. An Stelle des Adels, welcher sich gegenüber den "niedrigeren" Statusgruppen abgrenzt, tritt hier eine exzessiv betriebene Überqualifizierung. Durch die Vielzahl akademischer Titel soll eine Kompetenzüberlegenheit suggeriert werden. Alle anderen, die "nur ein Studium" absolviert haben, werden pauschal als "Mittelmaß" abqualifiziert.
 

Wer in den Workshop brilliert, hat gute Chancen, zum Auswahlverfahren eingeladen zu werden. Es winken Gehälter ab 60.000 Euro brutto jährlich. Zum Vergleich: Architekten verdienen beim Berufsstart nicht einmal 30.000 Euro.
[...]
„Die Auslese ist hart und die Aufgabe der Personalmanager wird immer schwieriger. Nicht, weil es zu wenige Studenten mit beeindruckenden Lebensläufen gäbe. Das Problem: Es sind zu viele. Hervorragende akademische Leistungen, Auslandsstudium, mehrere Fremdsprachen, Praktika bei namhaften Unternehmen – das gehört zum Standardprogramm. „Wir bekommen mittlerweile inflationär tolle unterlagen“, sagt Miriam Kraneis, Recruting Managerin bei Booz Allen Hamilton. Sie vermutet hinter der Elite-Schwemme die „Strafferen Studienzeiten durch das Bachelor“, die „Fortschritte der Universitäten in der Lehre“ [...]. 

 
 
pfeil-antineolib72

Außerhalb des regulären Bildungssystems versuchen Neoliberale, ihre Berufschancen durch zusätzliche Kurse und sog. Workshops zu verbessern. Hierdurch möchte man die Wahrscheinlichkeit erhöhen, auch satte Einstiegsgehälter abzugreifen (60.000 Euro wird hier quasi als Köder ausgelegt).

Wie man an der Beschreibung erkennen kann, sind neoliberale Studierende in eine Art Überbietungswettbewerb der Lebensläufe eingetreten und versuchen sich durch die reine Anzahl der Auslandsaufenthalte, Praktika u.s.w. bei Arbeitgebern beliebt zu machen. Daß diese "Elitenschwemme" irgend etwas mit "Fortschritten in den Universitäten" zu tun haben, darf hierbei wohl bezweifelt werden!


Wir meinen: Dieser Text ist ein kleines, aber typisches Beispiel für den Zustand unserer eliteversessenen Ellenbogengesellschaft und den "Klassenkampf von oben". Anstatt die Gesellschaft gerechter zu machen und allen Menschen zu einer guten Bildung und einem guten Auskommen zu verhelfen, anstatt kooperation und ein menschliches Miteinander zu fördern, wird hier der Kampf des Einzelnen gegen die anderen propagiert. Alle die können, sollen sie so weit überqualifizieren wie möglich, ob die anderen auf der Strecke bleiben, interessiert nicht. Die Gesetze des Tierreiches sollen hier wohl auf unsere Gesellschaft übertragen werden. Schade, daß der "Journalist" vom Uni Spiegel das nicht einmal ansatzweise versteht.

http://neoliberalyse.de/index.php/medialyse-2/proakontra-neoliberal-2/77-eine-kleine-geschichte-vom-real-existierenden-neoliberalismus

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