"Studieren lohnt sich - nicht immer"

"Gehälter im Vergleich"
Neoliberaler Vorzeigeartikel auf Tageschau.de vom 3.8.2016

 

Auf Tagesschau.de wird (mal wieder) das neoliberale Klischees vom Humankapital beschworen. Studierende sollen sich auf Heller und Cent ausrechnen, in welchen Studiengang sie "investieren" sollen, um später auf dem Arbeitsmarkt abzukassieren. Aber schauen wir mal genau, wie Tagesschau.de argumentiert:

 

"Nach der Uni in die Wirtschaft und möglichst viel Geld verdienen: Diesen Traum haben viele Absolventen, doch nicht immer geht die Rechnung auf. Denn in manchen Branchen kassieren Akademiker vergleichsweise geringe Gehälter - und sogar weniger als manch Facharbeiter.

Ein Uni-Abschluss und anschließend ein Job mit Topverdienst - diese Hoffnung bleibt für so manchen Akademiker ein Traum. In einigen Branchen müssen Hochschulabsolventen sogar hinnehmen, dass Facharbeiter an ihnen gehaltsmäßig vorbeiziehen. Das liege daran, dass die Bezahlung von Branche zu Branche oft sehr unterschiedlich sei, berichtete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie.

So kämen etwa Hochschulabsolventen in der Tourismus-, Hotel- und Gaststättenbranche im Laufe ihres Berufslebens auf ein durchschnittliches Gesamteinkommen von 1,3 Millionen Euro. Dagegen verdiene eine betrieblich ausgebildete Fachkraft in der Informations- und Kommunikationstechnologie bis zur Rente 2,19 Millionen Euro, berichtet der Arbeitsmarktforscher Heiko Stüber."

 

Die Tagesschau erklärt, "viele Absolventen" hätten primär materielle Ziele beim Studium. Vollkommen unreflektiert wird also das Ziel materialistisch orientierter Menschen hier als einziges Motiv dargestellt, zu studieren.
Allein schon die Wortwahl "Rechnungen" die "aufgehen" und "Topverdienst" zeigt, wie unkritisch und neoliberal lobby-beeinflußt der anonyme Autor ist. Man zitiert eine Studie des durch und durch ökonomistischen Thinktanks "Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung". Natürlich ohne einzuordnen, worum es sich bei diesem Institut handelt, welches seine Motive und Leitlinien sind.

Die Aufrechnung des gesamten prognostizierten Einkommens eines Arbeitslebens zählt zu den Absurditäten neoliberaler Argumentation. Vor allem das Gegenrechnen, gegen alternative Berufe ist besonders grotesk. Kein Wort davon, was ein Mensch in seinem Leben eigentlich will! Vollzeit arbeiten? Oder Teilzeit? Familie oder Beruf? Freiheit oder Arbeitszwang? Sinnvolle gesellschaftliche Ziele verfolgen oder materialistisches Aufstiegsstreben? All das kommt hier nicht vor. Es werden vollkommen theoretische Zahlen nebeneinander gestellt, die mit der Lebenswirklichkeit von nur sehr wenig Menschen etwas zu tun haben dürften.

 

"Augen auf bei der Studienwahl

Er hatte die Lebenseinkommen unterschiedlich qualifizierter Beschäftigter in 36 Berufsgruppen ausgewertet. Sein Ergebnis: Wer sich nach dem Abitur für ein Hochschulstudium entscheidet, sollte sich - sofern ihm der Verdienst wichtig ist - die Branche genau anschauen, für die ihn ein Studium qualifiziert.

Spitzeneinkommen erwarten etwa Ingenieure und andere Akademiker in Forschungs-, Entwicklungs- und Konstruktionsberufen mit einem Lebenseinkommen von im Schnitt 2,7 Millionen Euro. In der Maschinen- und Autoindustrie können es bis zu 2,5 Millionen Euro werden, in Energie- und Elektroberufen rund 2,4 Millionen Euro und in der Informations- und Kommunikationstechnologie 2,5 Millionen Euro.

Dagegen liegen die Akademiker-Gehälter in der Lebensmittelindustrie teils sogar unter Hilfsarbeiter-Gehältern gut zahlender Branchen. In Firmen, die Lebensmittel herstellen und verarbeiten, kämen Hochschulabsolventen im Laufe ihres Berufslebens im Schnitt auf ein Einkommen von 1,3 Millionen Euro - gefolgt von Wellness- und Körperpflege-Berufen mit rund 1,5 Millionen Euro und Erziehungs-, Sozial- und Hauswirtschaftsberufen mit gut 1,6 Millionen Euro.
Höherer Abschluss = höheres Einkommen"

 

Wer studieren möchte, sollte erst einmal entscheiden, was ihn oder sie interessiert! Kein Wort davon in diesem Text. Immerhin die scheinheilige Einschränkung "sofern ihm der Verdienst wichtig ist". Eine schwache Relativierung des Umstandes, daß in diesem Text und der zugrundeliegenden Studie ausschließlich materialistische Werte propagiert werden.
Und schon gehen die Vokabeln des Neoliberalismus weiter "Spitzeneinkommen", "Höherer Abschluss = höheres Einkommen" und so weiter...
Diese Ganze Argumentationskette führt am Ende nur dazu, daß dann aufgerechnet wird, wer wie viel arbeitet und Steuern zahlt und das wird dann erfahrungsgemäß verwendet, um Menschen unter Druck zu setzen, die arbeitslos sind oder Studieren ("ich finanziere mit meinen Steuern dein Studium, du fauler Student" oder "geh erstmal arbeiten und zahle Steuern und liege der Gemeinschaft nicht auf der Tasche").

 


 "Höherer Abschluss = höheres Einkommen

Grundsätzlich gelte aber weiterhin der Grundsatz, dass ein höherer Bildungs- und Berufsabschluss auch höhere Gehälter verspreche, betonte Studienautor Stüber. Aufs ganze Erwerbsleben gerechnet verdienten Männer und Frauen mit Hilfsarbeiterjobs im Schnitt gut 1,1 Millionen Euro brutto. Bei Berufen auf Fachkraftniveau würden bis zur Rente im Schnitt 1,5 Millionen Euro verdient, auf Meister- und Techniker-Niveau zwei Millionen Euro und in Akademikerjobs fast 2,4 Millionen Euro.

Stüber warnt aber zugleich junge Menschen davor, allein die Verdienstmöglichkeiten zur Grundlage ihrer Berufswahl zu machen. Individuelle Vorlieben, Neigungen und Fähigkeiten seien hinsichtlich der Lebenszufriedenheit oft wichtiger als das spätere Gehalt. Zudem liege nicht jedem Schulabsolventen ein Studium, das oft theorielastig sei: "Mehr als jeder vierte Bachelorstudent bricht sein Studium ab", betont der Wissenschaftler. Anderen fehle hingegen das Geschick für eine handwerkliche Ausbildung."

 

Mit dem letzten Satz, Menschen sollten auch auf ihre Neigungen achten, relativiert man das oberflächlich, was man zuvor zum ausschließlichen Ziel erhoben hat: Geldverdienen.
Kein Wort auch davon, daß der Hauptsinn eines Studiums darin liegen sollte, befähigt zu werden, reflektiert und kritisch zu denken. Daß man sich frei in seiner Persönlichkeit entfalten kann. So etwas kommt im Weltbild dieser Menschen ohne Persönlichkeit und Kultur (Experte "Heiko Stüber") nicht vor.

Im Übrigen - daß viele Bachelor-Studenten ihr Studium abbrechen, liegt auch daran, daß dieses Studiensystem nichts mit humanistischer Bildung zu tun hat, sondern aus Auswendiglernen, Multiple-Choice-Tests und "Durchkommen" besteht. Die Abbrecherquoten gehen hoch, wenn man immer weiter den Druck erhöht und bewährte Studiengänge (Diplom und Magister) für reine Wirtschaftsinteressen eleminiert. 

Die hier zur Schau gestellte Ideologie des Materialismus ist eine Bankrotterklärung und ein Armutszeugnis. Man möchte die Menschen, egal ob Akademiker, Arbeiter oder Dienstleistungsprekäre, unter ein lebenslanges Joch der Lohnarbeit zwingen, auf daß sie sich wie Esel mit der Peitsche1 in Richtung eines immer späteren Rentenalters treiben lassen. In ihrer knappen Freizeit sollen sie ordentlich konsumieren und dafür brauchen sie einen lukrativen Job. Tolles Leben!

1 Sperrfrist für ALG-1 bei Eigenkündigung und Demütigungen durch Hartz-IV

 

Leseempfehlung: Buch über die Ökonomisierung unseres Alltags...

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Neoliberalyse -
Über die Ökonomisierung unseres Alltags


Verlag: Mandelbaum Verlag, Wien 2014.
Autor Christopher Stark
ISBN Nr. 9783854766353.



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