5 praktische Hebel gegen die Leistungs-
und Verschleißgesellschaft

Eine ideologische Anleitung - mit niedlichen Katzenbildern ;)

 

„I would prefer not to“ - das sagt der Anti-Held Bartleby der Novelle „Bartleby – The Scrivener“ aus dem Jahr 1853 (Autor Herman Melville). Der Protagonist ist Angestellter einer Anwaltskanzlei New York Citys der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit diesem Satz, der die Verweigerung einer Arbeitsanweisung durch seinen Chef darstellt, ist der Anfang seines Ausstiegs aus der Leistungsgesellschaft gesetzt. Sein stupider Job und der Blick an die gegenüberliegende Gebäudewand des Kopierbüros haben ihn zugleich gleichgültig und innerlich leer gemacht. Der Leidensdruck ist über die Jahre der Pflichterfüllung hinweg so groß geworden, daß es bis zu diesem Punkt der Totalverweigerung gekommen ist.
Auch heute fristen viele Menschen ein vergleichbares oder schlimmeres Dasein. In einer Welt, die kaum Fehler verzeiht, in unserem Zeitalter des Neoliberalismus, der Optimierung von Lebensläufen, des unentwegten Trainings geistiger und körperlicher Fitneß, des Dauerstresses in Beruf, Schule und Universität – in einer Zeit der radikalen Übertragung ökonomischer Prin­zipien auf alle Bereiche des menschlichen Lebens. In unserer Zeit bedarf es neben einer klaren politischen Strategie zur Entschleunigung für die gesamte Gesellschaft auch eines Leitfadens für Leid geplagte Normalbürger. Im Folgenden soll mit einer Anleitung für die Entschleunigung und zur praktikablen Arbeitsreduktion oder -verweigerung gegengehalten werden.
Nehmen wir uns ein Beispiel an Bartleby – oder viel besser noch, nehmen wir uns ein Beispiel an der Hauskatze, die 80% des Tages schläft oder döst. Unvorstellbar, daß man eine Hauskatze zur konstanten Leistungserbringung erziehen kann – sie ist schamlos faul und jede Sekunde des Herumlungerns, Herumstreifens und Abspannens hat sie perfektioniert.


1. Mut zur Lücke im Lebenslauf und zu Postmaterialismus – persönliche Ziele von den Zielen des Arbeitgebers und des Wirtschaftsministers abkoppeln   

Für: Alle, die den Zwängen des Arbeitsmarkts ausgesetzt sind

Viele Menschen versuchen zwanghaft, so­ge­nannte „Lücken im Lebenslauf“ zu ver­meiden. Damit gemeint sind die zwi­schen zwei Arbeitsplätzen ent­stehen­den zeit­lichen Abstände, in denen man keiner offi­ziellen Arbeitstätigkeit nachgeht. Wer also hin und wieder zwischen zwei Vollzeit-Jobs oder Schule/Studium und erstem Arbeits­platz gerne einige Monate im Park herum­hängen will, ohne sich jeden morgen zu zwingen aufzustehen und in der Leistungs­maschinerie verheizen zu lassen, der sollte den Mut zur Lücke aufbringen. Es geht aber nicht nur um das Faulsein im Park. Die meisten in Vollzeit Beschäftigten wissen ge­nau, wie sehr ihnen der Beruf die Zeit des Lebens nehmen kann. Jeden Morgen das selbe Aufstehen, zur Arbeit gehen und am Abend zurück. Für die Dinge des Lebens, die einem auch oder nur wichtig sind, bleibt da für die meisten Menschen kaum Zeit. Ob dies nun Familie ist, Reisen, Kultur schaffen oder erleben, Hobbies, die kein Geld einbringen, Musik hören, Lagerfeuer machen, Museen besuchen, mit Kindern spielen, Musik machen, Katzen Streicheln, Filme gucken, auf Bäume klettern, plaudern, paddeln, protestieren, lesen, computerspielen, Wein trinken, Briefe schreiben, sex haben, kochen, lange Spaziergänge und so weiter.

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Wer aber das schöne Leben fordert, setzt sich schnell einem Generalverdacht aus, er oder sie sei Faul. Der Vorwurf fußt meist auf blankem Neid, denn auch die meisten „protestantischen Arbeitsethiker“ mit ihren nicht erfüllenden Jobs in der Lohnarbeits-Maschine würden ja gerne irgend­wie auch mal ausbrechen. Ihr Charakter und ihre Erziehung zum Gehorsam und zum Untertantentum1 verhindern aber jeden Impuls des Frei­käm­pfens von Zwängen. Und so wird die aufgestaute Frustration lieber darauf verwendet, andere für ihre Lebensgestaltung zu ver­achten und zu verurteilen.
Ist es der materielle Wohlstand denn Wert, daß man all die wichtigen und schönen Dinge des Lebens jenseits beruflicher Selbstverwirklichung (oder Pflichterfüllung) auf einen nur noch sehr kleinen zeitlichen Abschnitt nach Feierabend oder am Wochenende verbannt? Sind diese Dinge für die meisten Menschen nicht andersherum betrachtet viel wichtiger als beruflicher Aufstieg oder protestantischer Arbeitseifer und das Funktionieren im Getriebe von Wirtschaft oder Institutionen?

Public Domain Pixabay LinsengesichtViele Arbeitgeber bemühen sich darum, die Angestellten dahingehend zu mani­pulieren oder unter Druck zu setzen, auf daß diese ihre persönlichen Lebensziele mit den Zielen des Unternehmens „syn­chroni­sieren“. Auch durch die von Angestellten erwar­tete Identifikation mit dem Unter­nehmen soll ihre Loyalität bzw. den Gehorsam verstärken. Und so arbeiten Angestellte bis zum Burnout, nehmen häufige Über­stunden ohne Murren in Kauf und stellen auch sonst ihre indi­vi­duellen Wünsche und Belange gegenüber denen des Arbeitgebers und des Wirt­schafts­systems hintan.
Arbeitnehmer sollten aufpassen, nie in eine solche psychische Abhängigkeit zum Arbeit­geber zu geraten und stets ihre eigenen Lebensziele über jegliche Ziele des Arbeitgebers zu stellen! Dies alles ist zwar banal, aber bei unserem aktuell neoliberalen Zeitgeist muß leider explizit darauf hingewiesen werden, daß die Interessen des Arbeitnehmers nur selten mit den Interessen des Arbeitgebers identisch sind.





2. Im Job...
Für: Arbeitnehmer

Wer für sich und seine Kollegen mehr Sicherheit vor unkontrollierten Entlassungen und allge­meiner Willkür von Seiten des Arbeitgebers haben möchte, tut gut daran, den bestehenden Betriebsrat zu unterstützen – oder im Zweifelsfalle für die Gründung eines solchen zu sorgen oder beizutragen.
Es ist ganz einfach, einen Betriebsrat zu gründen. Man benötigt je nach Größe der Organisation bzw. des Unternehmens nur wenige KollegInnen und etwas Mut. Und das beste ist: Sobald man für die Betriebsversammlung für den neu zu gründenden Betriebsrat eingeladen hat, genießt man Kündigungsschutz. Aber Vorsicht vor arbeitgebernahen Betriebsräten: In vielen Unternehmen möchten sich einige Be­triebs­räte lieber bei der Geschäftsleitung ein­schmei­cheln, als die Interessen der Kolleg­Innen zu vertreten. Solche Betriebs­räte sollte man eher meiden, sie abwählen, wenn sie zur Wahl stehen und sich auf die Hilfe einer Gewerkschaft verlassen.
Neben „Betriebsrat“ mag auch dieses Wort „Gewerk­schaft“ für manch angepaßten Leis­tungs­menschen altmodisch klingen. Aber nach Jahrzehnten des Krise im Be­reich der Arbeitnehmerrechte sind Ge­werk­schaften heute wichtiger und aktu­eller denn je. Besonders für prekär Beschäf­tigte, Minijobber, Dauer­prak­tikan­ten und alle anderen Angestellten des Dienst­leistungs­pre­kariats. Leider verstehen dies viele Ange­stellte nicht („Es hat doch sowieso keinen Sinn“, „Die machen doch eh nix für mich“).

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Es gibt aber zweifelsohne viele Ungerechtigkeiten, denen Arbeitnehmer im Job ausgesetzt sind und bei denen Gewerkschaften helfen können. Zu den häufigsten Unge­rechtigkeiten zählen eine unfaire Bezahlung, unterschiedliche Bezahlung für Mitarbeiter in der selben Position, das Vorenthalten von Prämien für bestimmte Gruppen von Mitarbeitern, Mobbing durch den Arbeitgeber (etwa durch Versetzung auf eine andere Position, die nicht der eigenen Qualifikation entspricht) oder – und das betrifft viele der Beschäftigten – vollkommen überzogene Leistungsanforderungen. Wer berechtigt unzufrieden ist, hat die Möglichkeit, gegen den eigenen Arbeitnehmer zu klagen. Wer sich nicht traut, dies beim andauernden Job zu tun, kann dies bei manchen Konflikten auch im Nachhinein, etwa nach Auslaufen eines befristeten Arbeits­vertrags tun. Der Weg ist ganz einfach. Zunächst tritt man in eine für die Branche geeig­nete Gewerkschaft ein – in der Industrie ist dies beispiels­weise in vielen Fällen die IG-Metall und im Dienst­leistungsbereich Verdi. Als Gewerkschaftsmitglied ist man rechts­schutzversichert für gerichtliche Auseinander­setzungen mit dem Arbeitgeber. Ist eine Klage aussichtsreich, schickt ein Anwalt der Gewerkschaft einen Brief an den Arbeitgeber. Ein solcher ist häufig bereits ausreichend dafür, daß man Recht bekommt. Ist dies nicht der Fall, klagt die Gewerkschaft. Sind genügend KollegInnen auch Gewerkschafts­mitglieder, kann man zudem Streiken, um das Recht der Arbeitnehmer kollektiv durchzusetzen. Auch bei Gewerkschaften sollte man aber genau hinschauen, da die großen und bekannten Gewerkschaften zum Teil progressive Gesell­schaftsziele nicht mittragen. Hierzu gehören die Bekämpfung des Ausstiegs aus der Braun­kohleförderung und -verbrennung sowie die Doktrin von Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen als höchste Ziele gesellschaftlicher Entwicklung. Sind einem die großen Ge­werk­schaften in diesem Sinne zu wirtschaftsnah, bietet sich als Alternative die sogenannte Anarcho-Syndika­lis­tische und kapitalismuskritische Gewerkschaft FAU an.

Arbeitnehmern, die ständig am Bildschirm arbeiten, stehen laut Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) in Deutschland regelmäßige bezahlte Pausen zu. Der Arbeitgeber hat den Arbeitstag der Mitarbeiter so zu organisieren, daß die Bildschirmtätigkeit regelmäßig durch andere Tätigkeiten unterbrochen wird. In den meisten Büros ist die Arbeit aber nicht so organisiert, sondern es gibt ausschließlich Bildschirmarbeit und ab und zu Besprechungen. Dies bedeutet, daß es nach einer knappen Stunde Arbeitszeit ohne längere Unterbrechung geboten ist, sich für 5-10 Minuten vom Bildschirm zu entfernen und etwas anderes zu tun. Dies können Tätigkeiten wie das Kaffee- oder Tee holen sein. Fällt keinerlei Tätigkeit jenseits der Bild­schirmarbeit an, kann man auch eine ganz normale Pause machen, die als Arbeitszeit abge­rechnet wird, für die sich der Mitarbeiter also keine Pausenzeit eintragen muß. Aber auch bei anderen Tätigkeiten wie dem Kaffeeholen sollte darauf geachtet werden, daß man wirklich 5-10 Minuten benötigt und nicht nur zwei Minuten. Für viele Büromitarbeiter bedeuten die Bildschirmpausen eine zusätzliche bezahlte Pausenzeit vor täglich über 30 Minuten. Hält sich der Arbeitgeber nicht an diese Verordnung, sollte man (ggf. über eine Gewerkschaft) eine förmliche Beschwerde bei den staatlichen Aufsichtsämtern einreichen – und eventuell klagen.
Viele Arbeitgeber verstehen den Sinn von Bildschirmpausen nicht. Sie denken, es handele sich um Verluste in der Effektivität und der geleisteten Arbeitszeit. Diese typisch lineare Denkweise ignoriert die positiven Effekte der Entschleunigung. Nicht nur sind Mitarbeiter zufriedener, son­dern sind natürlich auch konzentrierter wenn sie einen aufgelockerten Arbeitstag haben. Wer seine Mitarbeiter und KollegInnen allerdings verheizt, wem Überlastung, Streß und Burnout bei seinen Untergebenen gleichgültig sind, muß über die rechtliche Schiene zur Besserung ge­zwungen werden.


3. Überstunden vermeiden / Verantwortung abgeben und teilen
Für: Angestellte/ Leitende Angestellte / Geschäftsführer

In vielen Jobs haben die Angestellten die Möglichkeit, nach acht Stunden den Stift fallen zu lassen. Der Job ist ein Geschäft zwischen Arbeitgeber und Arbeit­nehmer. Geld gegen Lebenszeit und Lebens­energie. Wer so tut, als wäre das Arbeits­verhältnis mehr als nur ein Geschäft, belügt sich und die KollegInnen. Gerne erzeugen Arbeit­geber implizit oder explizit eine Druck­situation, damit Angestellte Tag für Tag länger Arbeiten, als vereinbart und gesund ist. Diesen Druck sollten Mitarbeiter grundsätzlich ignorieren. Wer mehr tut, braucht sich nicht über Erkran­kun­gen in der Folge von Arbeits­überlastung zu wundern. Wenn der Arbeitgeber negative gesell­schaftliche Ziele verfolgt, wenn schlechte Produkte oder Dienstleistungen hergestellt werden oder wenn sich der Arbeit­geber einfach „nur“ seinen Angestellten gegenüber unfair verhält, verdient es nicht, daß überhaupt jemand für sie arbeitet.2

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Bei Arbeitgebern, die grundsätzlich etwas allgemein anerkannt Gutes für die Gesellschaft tun, ist häufig eine etwas andere Psychostrategie zu beobachten: So stellen auch Umwelt­organisationen, soziale Einrichtungen oder gemeinnützige Stiftungen zum Teil ausbeuterische Forderungen an die Mitarbeiter und argumentieren dann damit, man setze sich ja für eine bessere Welt oder für bessere Verhältnisse ein und daher sei eine Aufopferung für „die gute Sache“ – über das hinaus, was über den Lohn abgegolten wird, gerechtfertigt. Aus­beutung ist aber nie zu rechtfertigen.
Noch besser für die Entschleunigung ist das Arbeiten in Teilzeit, das einem der Arbeitgeber in den meisten Fällen auf Antrag nicht verweigern darf! Jedenfalls solange die Betriebsabläufe dadurch nicht wesentlich gestört werden. Wegen dieser Einschränkung muß der Teil­zeit­anspruch also eventuell juristisch gemeinsam mit einer Gewerkschaft durchgesetzt werden.

Wie die meisten Tätigkeiten können auch Füh­rungs­aufgaben auf mehrere Personen aufgeteilt werden. Auch wenn es Menschen mit einer narzißtischen (in Führungs­posi­tionen häufig zu finden) oder zwanghaften Persön­lich­keits­struk­tur sehr schwer fällt, Verant­wortung abzugeben. Eine Doppel­spitze der Abteilungs- oder Ge­schäftsleitung ist ein inzwischen recht häufig vor­kommen­des Modell und sollte, wo mög­lich, praktiziert werden. Viel besser wäre es allerdings noch, wenn leiten­de Angestellte nur das Tages­geschäft regeln würden und jegliche Grundsatz­entschei­dungen demo­kra­tisch in der jewei­ligen Abtei­lung oder im Ge­samt­unter­nehmen vorgenommen würden (etwa durch Urab­stimmungen). Hier­durch würden sogenannte Führungskräfte weiter deutlich entlastet. Leider sind die Unternehmen der kapitalistischen Welt aber in fast allen Fällen diktatorisch, zentralistisch und hierarchisch geführt. Flache Hierarchien werden den Menschen nur verkauft: Man wendet hier den einfachen Trick an, einige Hierarchiestufe zu entfernen oder sich zumindest mit den zwei höheren Hierarchieebenen duzen zu „dürfen“. Mit solchen oder anderen Tricks wird den Mitarbeitern suggeriert, sie hätten Entfal­tungs­mög­lichkeiten und dürften mitbestimmen. Wenn dann aber grundlegende Entscheidungen getroffen werden, übergeht die Unternehmensleitung die Wünsche, Interessen und Expertise der Untergebenen mit gewohnter Regelmäßigkeit. Auf Weihnachts­feiern oder in Betriebsversammlungen werden die stra­te­gischen Entscheidungen und für die Mitarbeiter unbequemen Veränderungen dann ordentlich PR-mäßig professionell ver­packt und mit Wir-sind-doch-alle-eine-Familie-Rhetorik vorgetragen. Die Zahl der Mit­arbeiter, die einer solchen Gehirnwäsche widerstehen können, geht erfah­rungsgemäß gegen null.

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4. Bildung in Schule und Universität entschleunigen
Für: Studierende / Schüler / Eltern

Der Überlastung in Studium und Schule sollte durch eine gezielte Entschleunigung ent­gegen­gewirkt werden. Menschen, die Bildungsab­schlüsse ohne Not in der sogenannten Regelstudienzeit beenden, sich in der Schule anschicken, Klassen zu überspringen um sich schneller dem Abschluß zu nähern und sich im Wettbewerb vor die anderen zu kämpfen – übersehen offenbar, daß die Schul- und Studien­jahre zu den schönsten des Lebens gehö­ren könnten, wenn man sie nur genießt und im eigenen Tempo durchläuft. In einigen Bundesländern wie beispiels­weise in Hamburg entscheidet die Wahl der Schulform darüber, ob Schule 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur dauert (Stadt­teil­schule/Gesamtschule oder Gymnasium) – hier sollte die Wahl also leicht fallen. Aber: staatliche Schulen legen fast alle einen einseitigen Schwerpunkt auf Leistungs­erbringung und reine Wissensvermittlung. Durch Schulnoten und andere Maßnahmen wird zum einen Druck auf Schüler ausgeübt und zum anderen dient der Leistungsvergleich dem Wettbewerb innerhalb der Schulklasse.
Eltern, die lieber freie, persönlichkeitsstarke und entspannte Kinder wollen, sollten sich genau überlegen, welche Schulform sie wählen. Persönlichkeitsorientierung, ein huma­nistisches Bildungsideal und ein menschlicher Umgang mit dem Thema der Arbeitsbelastung gibt es derzeit leider fast ausschließlich an Waldorf- und Montissorischulen.
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Nach der Schulzeit reihen sich heute viele junge Menschen nahtlos in das verschulte Studium ein – ohne Innehalten und Orientierungszeit. Den Mangel an Lebenserfahrung kann man diesen Studierenden anmerken. Anstatt den neoliberalen Aufforderungen nach früherem Beenden der Bildungszeit oder einem lückenlosen Lebenslauf gerecht zu werden, sollten diese Menschen nach der Schule erst einmal einen bewußten Schnitt machen und ein freiwilliges Soziales Jahr, ein freiwilliges ökologisches Jahr oder eine Zeit des Reisens anschließen. In dieser Zeit der Orien­tierung kann viel nachgedacht werden. Auch ist diese Zwischenetappe in der Regel sehr aufschlußreich durch die Konfrontation mit der kalten Realität der Arbeitswelt – jenseits des verhältnismäßig geschützten Bereichs akademischer Mittelschichten. Ein Jahr der Orientierung beugt so auch Elitismus und sozialem Ellenbogenverhalten vor.
Bei der Wahl des Studiengangs (oder der Ausbildung) sollte auch auf die Arbeitsbelastung geachtet werden. Bestimmte Studiengänge sind hierbei besonders unmenschlich: Hierzu zählen meist etwa Biologie, Medizin oder technische Studiengänge an Fachhochschulen – vor allem sogenannte „Duale Studiengänge“. Hier bleibt einem entweder die Möglichkeit, solche Studiengänge zu meiden oder innerhalb dieser Studiengänge für eine deutliche Entlastung zu kämpfen. Sinnvoll wäre es, die Studiengänge durch Erhöhung und Flexibilisierung der Regelstudienzeit zu entzerren und so der Masse des zu behandelnden Stoffs anzupassen. Auch gilt es, den Prüfungswahn und den Zwang zum ständigen Auswendiglernen zu bekämpfen. Die Arbeitsbelastung muß auf ein für Menschen zumutbares Maß reduziert werden.
Man wird bei allen Versuchen in diese Richtung aber auf massive Widerstände stoßen. Während die Dozenten und Professoren in den Sozialwissenschaften meist eher links bis links-liberal eingestellt sind und Studierende auch als Menschen betrachten – trotz des weit verbreiteten vorauseilenden Gehorsams bei der Umsetzung neoliberaler Hochschulpolitik – gelten Studierende in einigen Natur- oder Ingenieurwissenschaften nur als eine „Nummer“. Hier bei den Verantwortlichen durchzudringen ist schwer und wird erfahrungsgemäß nicht ohne eine gewisse Radikalität in der Form des Protests zu realisieren sein – Besetzungen, Streiks, Boykotte – Strategien, die im Übrigen entscheidend für die Wiederabschaffung der Studien­gebühren in Deutschland zwischen 2008 und 2014 waren.


5. Auf die Signale des eigenen Körpers hören, regelmäßig „sinnlos“ herumhängen und den Terminkalender schrumpfen
Für: Alle

Viele Menschen haben neben ihrer beruflichen Belastung auch noch volle Terminkalender, die sie sich für ihre Freizeit auferlegen. Etwa dadurch, weil sie parallel in mehreren Vereinen, Sportclubs oder ähnlichem Mitglied sind. Es klingt banal, aber eine allzu systematische Verplanung von Freizeit erzeugt massiven zusätzlichen Streß. Andersherum sollten die für einen eigentlich wichtigen Dinge des Lebens den Bereich des Arbeitslebens einschränken und nicht andersherum. Auf neoliberal heißt das Modewort zum Thema „Work-Life-Balance“. Arbeit kommt hier zuerst und die Freizeit dient aus­schließlich dazu, im Bereich der Arbeit mehr Leistung bringen zu können.
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Viele Gläubige der Ersatzreligion von Exzellenz, Leistung und Servicementalität, verstehen den Begriff in dem Sinne falsch (oder richtig – je nach Sichtweise), als daß sie ihn als Aufforderung sehen, mit der selben Systematik und Methodik wie im Beruf an ihre Freizeit heranzugehen. Etwa indem sie sich für tausende Euro eine Hightech-Fahrradausrüstung kaufen und sich dann in der sportlichen Leistungserbringung üben – und damit den Leistungsgedanken auf einen Lebensbereich übertragen, der sie eigentlich vom selbigen schützen sollte. Mit dem Einzug von Fitneß-Armbändern und anderen technischen Geräten zur Überwachung der körperlichen Leistung dringen zudem technische Prinzipien der Optimierung aus Wirtschaft und Industrie in einen Lebensbereich ein, in dem sie aus guten Gründen nichts zu suchen haben. Zu diesem Thema ist auch der 2016 erschienene Sammelband „Lifelogging“ sehr zu empfehlen.3 Freizeit und Schlaf (der durch solche Geräte auch überwacht werden kann) stellen biologisch und psychisch einen Erholungs- und Schutzraum vor Überlastung dar. Wer die gesundheits­schädliche Beschleunigung des Arbeitslebens nun mit in die Freizeit nimmt, wer die eigenen Leistungsdaten mißt und statistisch erfaßt, wie es mit einer Maschine in der Fabrik geschieht, erhöht diese allgemeine Überlastung noch weiter. Um beim Körperlichen zu bleiben: Für viele Angestellte stellt sich bei jeder beginnenden Krankheit die Frage, ob sie nun krank genug sind, um zu Hause zu bleiben, oder ob sie sich entgegen des Risikos dann richtig krank zu werden, dennoch zur Arbeit schleppen sollen. Vorbeugung schützt vor schwereren Krankheitszuständen. Wenn sich die Menschen nicht schonen, werden sie früher oder später über mehrere Wochen krank oder sie erkranken psychisch und kommen dann womöglich gar nicht mehr zurück ins „System“. Im Übrigen haben Arbeitnehmer auch das Recht, im Urlaub krank zu sein und bekommen die durch die Krankheit verlorenen Urlaubstage dann gutgeschrieben. Viele Arbeitnehmer wissen das nicht, oder trauen sich seltsamerweise nicht, im Urlaub ein ärztliches Attest beim Arbeitgeber einzureichen.
Natürlich kommt bei Streßjobs stets das Argument, die armen gesunden Kollegen hätten dann die Arbeit für die daheim gebliebenen oder Angeschlagenen zu erledigen. Das ist natürlich richtig, darf aber kein Argument dafür sein, sich in krankem oder angeschlagenen Zustand zur Arbeit zu schleppen. Schuld daran, daß es häufig keine personellen Puffer gibt, die Krankheiten von KollegInnen kompensieren, sind Arbeitgeber und Gesetzgeber, die Renditen und Wachstum über die menschliche Würde stellen. Auch ist diese Argumentation mit dem Einreden von Schuldgefühlen bei Krankheiten ein typisches Beispiel dafür, wie in einer Ellenbogen­gesellschaft, in der jeder für sich kämpfen soll auf einmal Solidarität eingefordert wird – dort, wo es für den Arbeitgeber von Nutzen ist. Leider muß das alles in diesem Text angesprochen werden, was in einer am Wohlergehen der Bevölkerungsmehrheit orientieren Gesellschaft eigentlich selbstverständlich wäre. Im Lichte eines Zeitgeistes, der keine Pausen, Lücken und Fehler zuläßt, dürften derartige Gedanken vielen Menschen fremd geworden sein. Oder sie können aufgrund des anerzogenen und bequemen Konventionalismus nicht erkennen, daß es einen Weg jenseits von Pflichterfüllung und Wirtschaftswachstum geben kann. Möglicherweise sogar einer, der mit weniger materiellem Wohlstand glücklicher macht.


Abschließende Worte

Dieser Text soll aufzeigen, daß es auch innerhalb der Leistungsgesellschaft viele Möglichkeiten der Entschleunigung gibt und jeder Mensch für sich überlegen sollte, in welchen Lebens­bereichen er oder sie von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen möchte. Außerdem soll an dieser Stelle noch einmal unterstrichen werden, daß Menschen die „Schuld“ für überhöhte Arbeitsbelastung nicht bei sich selber suchen, sondern systematisch externe Streßquellen ausschalten sollten. Manipulationen von Seiten der Arbeitgeber, der Ellen­bogenmenschen des persönlichen Umfelds, der Lehrer, Hochschuldozenten, Arbeitsämter, Jobcenter, Schul­mediziner, Wirtschaftslobbies und Bildungspolitiker gilt es in diesem Sinne zu erkennen, um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.
Es muß auch darauf aufmerksam gemacht werden, daß viele wirtschaftliche Aktivitäten und Produkte im praktischen Sinne überflüssig sind und jede Arbeitsstunde, die in ihre Herstellung investiert wird, gesamtgesellschaftlich betrachtet verloren ist. Eine TV-Show etwa wie „Germany's next Topmodel“ ist gesellschaftlich eine schädliche Sache, weil sie zum einen antihumanistische Werte, Obrigkeitshörigkeit und Unterwürfigkeit gegenüber Arbeitgebern und anderen Autoritäten vermittelt sowie Magersucht bei jungen Frauen (und zum Teil auch Männern) fördert. Eine solche Sendung generiert aber auch viele Millionen Euro durch Werbeeinnahmen, schafft Arbeitsstellen und trägt positiv zum Bruttoinlandsprodukt bei. Aber zu welchem Preis? Man rechne einmal die Kosten für die Behandlung von Magersüchtigen in der Folge der Sendung gegen. Außerdem die Kosten für entgangene Arbeitstage durch Burnout und andere psychische Erkrankungen oder gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die in der Folge einer durch die Sendung geförderten unmündigen Leistungsmentalität entstehen. Unterm Strich ist dies keine positive Rechnung – vermutlich nicht einmal entsprechend einer rein ökonomischen Sichtweise, die jegliche Kultur und Menschlichkeit außen vorläßt.
Genau so schlimm wie die „Kollateralschäden“ durch Burnout und anderen Streßerkrankungen sind die langfristig negativen Auswirkung der Leistungsgesellschaft für unsere Kultur, eine würdige Existenz der Menschen, die über den materiellen Rahmen hinausgehen – und letztendlich auch für ein friedliches Miteinander jenseits von Konkurrenzdenken und Rücksichtslosigkeit. Unsere Gesellschaft bringt viele derartige destruktive Produkte hervor, für die es sich nicht lohnt zu arbeiten. Arbeitnehmer sollten einmal in sich gehen und überprüfen, ob das auch ihren Job betrifft.

Entgegen neoliberaler Rhetorik, im Zuge derer überlasteten Menschen zunächst stets eine Fortbildung im Zeitmanagement nahegelegt wird: Der einzelne Mensch ist nicht das Problem. Der von außen und oben ständig erhöhte Druck sollte einfach durchgeleitet werden. In unserer Kultur, die maßgeblich durch protestantische Arbeitsethik geprägt ist ist – derzeit gepaart mit wirtschaftsnaher Ideologie – mögen solche Vorschläge wie Blasphemie erscheinen.
Und dabei tritt der Autor dieses Textes – trotz der ironisch gemeinten Metaphorik mit der Hauskatze – keineswegs für eine Gesellschaft der Faulheit ein. Dieser Text soll eher als Anleitung zur Selbstverteidigung verstanden werden. Schließlich sind es ja in der Regel nicht die Menschen unter dem Arbeitsjoch der Wirtschafts- Finanz- und Politeliten, die die Be­schleunigung vorantreiben. Die zunehmende Überlastung der Bevölkerungsmehrheit ist die Konsequenz aus jahrelanger neoliberaler Politik, nicht erst seit der Kanzlerschaft Gerhard Schröders – mit freundlicher Unterstützung von Wirtschafts­unternehmen und ihren Lobbies, Thinktanks oder angeblich gemeinnützigen Orga­nisationen wie der Bertelsmannstiftung. Höchste gesellschaftliche Ziele sind für sie Wirtschafts­wachstum und immer mehr Macht und Einfluß im globalen Wirtschaftssystem – für sich als Eliten und für den Nationalstaat, den sie zu vertreten beanspruchen. Die nationalistische Identifikation der Massen mit dem „Erfolg“ ihres Geburtslandes stützt diese fatale Zielsetzung. Die abstrakten Ziele von Wirtschaftswachstum, ökonomischer Macht und geopolitischem Einfluß, von denen die wenigsten Menschen – weder hierzulande noch weltweit – profitieren, kommen ausschließlich den Eliten, Aktionären sowie den Großunternehmen, Großbanken und Investoren zugute. Die ungerechte Vermögensverteilung und die weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich sowie die schreiende Ungerechtigkeit der Weltwirtschaft sind traurige Belege für diese negativen Entwicklungen.
Vertreter der kritischen Theorie, vor allem Adorno haben darauf verwiesen, daß Freizeit in der Kapitalistischen Gesellschaft letztendlich auch insofern Verwertungszwängen unterworfen ist, als daß Menschen versuchen, diese Freizeit möglichst „effizient“ zu nutzen und zu maximieren. Damit sind die Menschen in gewisser Weise wieder unfrei und übertragen Prinzipien des Arbeitslebens auf den Freizeitbereich. Auch dieser Text ist insofern nicht frei von ökonomischem Denken. Der Text ist aber wie gesagt als Anleitung zur Selbstverteidigung zu verstehen – innerhalb dieses Systems, da der Autor befürchtet, daß es so bald keine grundlegenden Änderungen im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem geben wird. Wie der in diesem Artikel beschriebene Zeitgeist von Leistungserbringung in allen Lebensbereichen um sich greift, wird auch im Buch „Neoliberalyse – über die Ökonomisierung unseres Alltags“4 (und dem dazugehörigen Blog Neoliberalyse.de) mit vielen Beispielen analysiert.

Zurück zum oben erwähnten Antiheld namens Bartleby: Dieser vermag es im Übrigen am Ende nicht, sich aus der Denkweise und der absoluten Fixierung auf das Berufliche und die Pflichterfüllung zu befreien. Sein Leben bestand bis zum Zeitpunkt seines Ausstiegs nur aus Arbeit und nun ist es für ihn zu spät, umdenken zu können. Er vegetiert ohne Lebenssinn dahin und stirbt am Ende. Interessant ist am Beispiel des Arbeitsverweigerers Bartleby, daß im Neoliberalismus die Unterdrückung durch Arbeit an der Oberfläche betrachtet weniger offen­sichtlich ist. Durch vermeintliche Freiheiten und einen Abbau von Hierarchien auf den unteren zwei bis drei Hierarchiestufen, wird den Mitarbeitern in vielen Branchen Freiheit vorgegaukelt. Durch den Konsum von Gegenständen, Statussymbolen und Massenkultur wird ebenso den breiten Massen eine Pseudoindividualität suggeriert, die in Wirklichkeit nur eine Massen­fabrikation einiger, weniger Einheitsgeschmäcker ist5. Gleichzeitig wird der Druck, Leis­tung zu erbringen ständig erhöht. Mit Sanktionen, Arbeitszwang (u.a. durch Hartz IV) und Anti-Bildungsreformen, die als Fortschritt verpackt daherkommen (Bachelor, Master, Zentral­abitur usw.). All diese Trojanischen Pferde wurden schon längst von der Mehrheit der Bevöl­kerung verschluckt und es gibt für sie scheinbar keine Alternativen mehr.
Daß dem nicht so ist, daß es wichtigere Dinge im Leben gibt als Pflichterfüllung und Arbeits­vollrichtung, sollte sich jeder Mensch stets vor Augen führen. Nehmen wir uns also ein Beispiel an der Hauskatze! Wenn wir wie sie weniger Leistung bringen, steigen Lebensfreude und Lebens­erwartung. Und wenn die Katze dabei gestört wird, dann fährt sie die Krallen aus!

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Fragen an die Leser:

1. Würdest du 25 erfolgreiche Jahre im Beruf haben wollen, wenn du sicher sein könntest, daß es dich 10 Lebensjahre kosten würde?

2. Worin genau liegt der Vorteil, wenn Dinge schnell gehen, wenn es auch langsamer geht?

3. Würdest du lieber ein Auto für 40.000 Euro geschenkt bekommen, oder einen Gutschein dafür, ein Jahr lang tun, worauf du Lust hast (ohne Zwang zur Lohnarbeit)?

4. Wie wirkt sich der Umstand auf dein leben aus, daß du materielle Dinge und sozialen Status nicht mit ins Grab nehmen kannst?

5. Profitierst du persönlich davon (und wenn ja, wie), daß ein DAX-Konzern 15 Mrd. Euro Jahresgewinn einfährt?






1 Vgl. zu diesem Thema: unterschiedliche Schriften von Theodor W. Adorno und Erich Fromm

2 Dies gilt insbesondere für Hersteller von Überwachungssoftware, Gen-Saatgut, Pestiziden, Kunststoff-Weichmachern, Verhütungs-Hormonen, Atomkraftwerken, Wasser­stoffbomben, Tretmienen, Kohle­kraft­werken, Data-Mining, Public Relations, Trash-TV-Sendungen, Massentierhaltungs-Fleisch, Ausbeutungs- und Mager­model-Mode, Neonazi-Kla­motten – und sehr viele weitere Unternehmen und Branchen wie Out­bound-Callcenter, Wirtschaftsbe­ratungs­firmen und so weiter (natürlich gibt es hier Abstufungen im Grad der Destruktivität).

3 Stefan Selke (Hrsg.): „Lifelogging – Digitale Selbstvermessung und Lebensprotokollierung zwischen disruptiver Technologie und kulturellem Wandel“, Wiesbaden 2016.

4 Autor: Christopher Stark, Mandelbaum Verlag, Wien 2014.

5 Vgl. Erich Fromm: „Die Kunst des Liebens“ - New York City, 1956.

 

Bilder: Vom Autor und außderem von Pixabay (Bilder unter „Public Domain“) von den NutzerInnen: „Rihaij“, „SimonaR“, „succo“, „bluesnap“, „YvonneH“, „Linsengesicht“.

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