Julia Engelmanns „Gedicht“ als trauriges Zeugnis tiefer Unbildung
- und als Symptom der Unterdrückung von Freiheit in der Leistungsgesellschaft - eine Analyse

 

Ökonomisierungslogiken und Wettbewerb sind nicht nur Dreh- und Angelpunkte niveauarmer Unterhaltungs­sendungen im Fernsehen, sondern auch präsent auf der Bühne – etwa in Form pseudo­intellek­tueller Veranstaltungen zur Selbst­darstellung und zum Popularitäts­vergleich von Amateurlyrik. Diese Veranstaltungen heißen meist „Poetry Slam“ und spülen von Zeit zu Zeit Leute nach oben, die den Nerv vieler anderer Menschen treffen. Ein Beispiel dafür ist das „Gedicht“ der Frau Engelmann, das hier genauer beleuchtet werden soll.

(Zum Thema Poetry Slam: Artikel)

 

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.
Ich, ich bin der Meister der Streiche, wenn's um Selbstbetrug geht.
Bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben stehe.
Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinstem was reißen,
lass mich begeistern für Leichtsinn – wenn ein anderer ihn lebt.

 

Bereits aus den Einleitungssätzen spricht neben den peinlichen Anglizismen („Baby“), die dem Ganzen etwas Unbeholfenes geben, viel vom Wunsch nach einem gute
n Leben („entschleunigtes Teilchen“, „Leichtsinn“) jenseits der Unerbittlichkeit einer Leistungsgesellschaft, in der jegliche Freiheit- und Freizeitsräume nach und nach erodieren.

 

Und ich denke zu viel nach.
Ich warte zu viel ab.
Ich nehme mir zu viel vor -
und ich mach davon zu wenig.
Ich halte mich zu oft zurück -
ich zweifel alles an,
ich wäre gerne klug,
allein das ist ziemlich dämlich.
Ich würde gern so vieles sagen
aber bleibe meistens still,
weil, wenn ich das alles sagen würde,
wär das viel zu viel.

 

Das Leben besteht aus Plänen und Taten, aus Gedanken und so weiter. Das ist total banal. Dennoch werden diese Plattitüden hier von Frau Engelmann in erstaunlich unlyrischen Sätzen zum Besten gegeben. Je banaler, desto erfolgreicher, wie sich herausgestellt hat (über 6 Mio. Youtube-Klicks bei diesem Video). Das Publikum möchte wohl wenig verwunderlich auf dem Niveau angesprochen werden, das seinen Fähigkeiten entspricht.
Wer über keine Persönlichkeit verfügt, sich aber entsprechend des neoliberalen Selbstvermarktungszwangs als individuell inszenieren möchte, greift am besten zu derlei Phrasen. In einer Gesellschaft, in der es vor allem darauf ankommt, wie man etwas sagt (und wie schönheitsideal-konform man aussieht) und in der nur zweitrangig ist, was der Inhalt des Gesagtem ist, ist dies die beste Überlebensstrategie.

 

Ich würde gern so vieles tun,
meine Liste ist so lang,
aber ich werde eh nie alles schaffen -
also fange ich gar nicht an.
Stattdessen hänge ich planlos vorm Smartphone,
warte bloß auf den nächsten Freitag.
Ach, das mach ich später,
ist die Baseline meines Alltags.
Ich bin so furchtbar faul
wie ein Kieselstein am Meeresgrund.
Ich bin so furchtbar faul,
mein Patronus ist ein Schweinehund.
Mein Leben ist ein Wartezimmer,
niemand ruft mich auf.
Mein Dopamin, das spare ich immer -
falls ich's nochmal brauch.

 

Die „Lyrikerin“ hat verstanden, daß man an seinen Softskills werkeln muß. Es reicht eben keine reine Qualifikation. Daher erstellt man lange „Todo-Listen“ für das Leben, die abgearbeitet werden wollen. So werden Erfahrungen konsumiert, anstatt an eigentlichen Erkenntnissen interessiert zu sein. Natürlich schafft man es nicht, eine solche Liste abzuarbeiten, wenn das eigentliche Ziel, der eigentliche rote Faden, das Wertesystem fehlt. Und so hängt man dann in angeblich sozialen Netzwerken ab und  füllt so das Bißchen Freizeit, das einem im Leben der Leistungserbringung bleibt. Am besten mit sinnlosem Herumgeklicke und Gespiele und eben nicht mit individuellen oder gar kreativen Beschäftigungen (Anmerkung: „Die Baseline meines Alltags“ – autsch!).
Und wenn die innere Leere so groß ist, dann schüttet der Körper auch keine Glückshormone aus. Nur das Versprühen des Ego über leere Lyric-Hüllen scheint etwas Befriedigung zu bringen.

 

Und eines Tages, Baby, werde ich alt sein. Oh Baby, werde ich alt sein
und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.
Und Du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester
die wieder  gleichen Vorsätze treu in dein Sektglas
und Ende Dezember stellst Du fest, das du Recht hast,
wenn Du sagst, dass Du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast.

 

Wer Worte wie „vercheckt“ verwendet, möchte offenbar „Streetcredibility“ gewinnen. Das kommt an. Vor allem bei allen Berufsjugendlichen und anderen armen Gestalten, die in NDR-Talkshowrunden rumlabern (siehe Video Zeit: 7:10: Jürgen Pilawa mit Tränen in den Augen. Aua! Aua! Aua!). Wer in einem Käfig von Pflichterfüllung und phantasieloser Freizeit-Herumgehängerei vegetiert, sollte sich nicht darüber wundern, daß der Sinn nicht von alleine um die Ecke gebogen kommt.

 

Dabei sollte für Dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.
Du wolltest abnehmen,
früher aufstehen,
öfter rausgehen,
mal deine Träume angehen,
mal die Tagesschau sehen,
für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen.
Aber so wie jedes Jahr,
obwohl Du nicht damit gerechnet hast,
kam Dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

 

Die Vorsätze für das nächste Jahr sind so leer wie es zu erwarten ist. An der Oberfläche herumkratzen und sich wundern, warum man unglücklich ist. Gefangen in der Legebatterie, im Hamsterrad, im Korsett einer ziellosen, materialistischen Gesellschaft. Träume angehen klingt schon gut. Aber welche sind das denn? Die einzigen Vorsätze, die hier auftauchen sind absolut nicht grundlegender Natur. Die Tagesschau, liebe Frau Engelmann solltest Du wirlich mal sehen. Mehr Smalltalk? Oh, bitte nicht!

 

Unser Leben ist ein Wartezimmer,
niemand ruft uns auf.
Unser Dopamin das sparen wir immer,
falls wir's nochmal brauchen.
Und wir sind jung und haben viel Zeit.
Warum sollen wir was riskieren,
wir wollen doch keine Fehler machen,
wollen auch nichts verlieren.
Und es bleibt soviel zu tun,
unsere Listen bleiben lang
und so geht Tag für Tag
ganz still ins unbekannte Land.

 

Die Autorin reitet weiter auf der inneren Leere herum (getretener Quark wird breit, nicht stark1) fügt jedoch hier noch einen weiteren Aspekt hinzu. Man wolle „doch keine Fehler machen“. Das halte einen offenbar von tatsächlichen und einschneidenden Veränderungen zurück. Der Leidensdruck eines reibungslos funktionierenden Lebens in einer neoliberalen Gesellschaft voller Langeweile scheint also nicht groß genug zu sein. Schließlich wolle man „nichts verlieren“. Man könnte dies so interpretieren, daß man seinen materiellen Lebensstandard oder seinen sozialen Status durch Abweichung vom Mainstream nicht riskieren möchte. Schade und selber Schuld. Und trotz der Langeweile und der Leere bleibt immer der Druck zu spüren, der auf uns allen lastet („bleibt soviel zu tun“). Unbewußt wird also in die Richtung gewiesen, aus der das Problem kommt. Allerdings versteht die Schreiberin dieser Zeilen das Problem der grundsätzlichen Sinnlosigkeit einer solchen Gesellschaft offensichtlich nicht.

 

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Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein,
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können
und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen werden,
traurige Konjunktive sein wie
“Ein mal bin ich fast einen Marathon gelaufen
und hätte fast die Buddenbrooks gelesen
und einmal wäre ich beinah bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen
und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen,
und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten.”

 

Diese Sätze offenbaren, wie unglaublich wenig diese Person in ihrem Leben bereits ausprobiert hat. Schade, wenn das Mutigste, was einem einfällt, das Laufen eines Marathons oder das Durchmachen einer Nacht ist!

 

Werden wir sagen.
Und das wir bloß faul und feige waren,
das werden wir verschweigen,
und uns heimlich wünschen,
noch ein bisschen hier zu bleiben.
Wenn wir dann alt sind
und unsere Tage knapp,
und das wird sowieso passieren,
dann erst werden wir kapieren,
wir hatten nie was zu verlieren -
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.

 

Der Text wiederholt sich nun. Wer noch weniger Phantasie hat als Frau Engelmann kann nur tot sein. Aber im Folgenden kommt ja nun die überaus unerwartete Wende:

 

Also lass uns doch Geschichten schreiben,
die wir später gern erzählen.
Lass uns nachts lange wach bleiben,
auf's höchste Hausdach der Stadt steigen,
lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.
Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen,
sehen, wie sie zu Boden reisen
und die gefallenen Feste feiern,
bis die Wolken wieder lila sind.
Und lass mal an uns selber glauben,
ist mir egal, ob das verrückt ist,
und wer genau guckt, sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.
Und – wer immer wir auch waren -
lass mal werden wer wir sein wollen.
Wir haben schon viel zu lang gewartet,
lass mal Dopamin vergeuden.

 

Man muß der Frau Engelmann immerhin zugutehalten, daß sie nicht entsprechend neoliberaler Propaganda die Arbeit als einzigen Lebensbereich verehrt, sondern eher die Freizeit und – einen etwas flachen – Hedonismus als eigentlichen Sinn ihres Lebens ausgemacht hat.
Nach grundlegenden Änderungen sieht das alles aber nicht aus („Konfetti schmeißen“, „Lieder singen“, „Feste feiern“ usw.). Ihr Freiheitsbegriff bezieht sich auf den Freizeitbereich innerhalb einer Gesellschaft, die eben genau diese Freiheit zunehmend zugunsten eines Leistungsideals und der Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts opfert. Genau diese Strukturen, die ja der eigentliche Grund dafür sind, daß es ihr nicht gut geht und sie sich ihrer Freiheit beraubt fühlt, greift sie aber weder an, noch erkennt sie in ihnen überhaupt einen Grund für ihr Leiden. Wirklich „verrückt“ oder frei wäre vielleicht, sein Hab und Gut zu verschenken und auf gut Glück nach Sibirien zu trampen. Oder ohne Geld zu leben. Oder einen verlassenen Bauernhof im Nirgendwo zu besetzen und zu bewirtschaften. All das im „Gedicht“ Vorgeschlagene ist in seiner bürgerlichen Biederkeit jedoch so unfrei, wie es offensichtlicher nicht sein kann.

 

“Der Sinn des Lebens ist leben”,
das hat schon Casper gesagt,
“let's make the most of the night”,
das hat schon Kesha gesagt.
Lass uns möglichst viele Fehler machen,
und möglichst viel aus ihnen lernen.
Lass uns jetzt schon Gutes sähen,
dass wir später Gutes ernten.
Lass uns alles tun,
weil wir können – und nicht müssen.
Weil jetzt sind wir jung und lebendig,
und das soll ruhig jeder wissen,
und – unsere Zeit die geht vorbei.
Das wird sowieso passieren
und bis dahin sind wir frei
und es gibt nichts zu verlieren.
Lass uns uns mal demaskieren
und dann sehen, wir sind die Gleichen,
und dann können wir uns ruhig sagen,
dass wir uns viel bedeuten,
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.
Also los, schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen.
Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

 

Es ist ja durchaus ehrenwert, existentialistisch klingen zu wollen. Das haben andere aber nur leider schon so viel besser gekonnt. Vielleicht sollte die Schreiberin dieser Zeilen noch mal Thomas Mann und andere Weltliteratur lesen. Nein besser: Sie hätte Teile der Weltliteratur VOR dem Schreiben ihres Gedichtes lesen müssen. Dann wäre nämlich dem einen oder anderen Leser die Schamesröte über dieses „Gedicht“ erspart geblieben. Und für alle, die mich für diese Zeilen nun hassen, denen kann ich nur empfehlen, sich selbst auch die vielfältige Literatur vorzunehmen, die es so gibt.

Hier  mal ein Paar Namen zum Weiterlesen: Theodor Fontane, Antoine de Saint-Exupéry, Franz Kafka, George Orwell, Aldous Huxley, Stanislav Lem, Daniel Kehlmann, Michel Houellebecq, J. D. Salinger, Albert Camus usw.
Lest die mal – oder eben die anderen fähigen Schriftsteller, die es zu Hauf gibt. Und dann kann man sich darüber unterhalten, wie gerechtfertigt der Hype um das hier betrachtete Poetry-Slam-Erzeugnis ist...

FAZIT: Eine egozentrischen Literaturverweigererin schreibt ein „Gedicht“ über Freiheit. Eine Freiheit die nicht ansatzweise über die engen Grenzen reicht, die innerhalb dieser Leistungsgesellschaft gewährt werden und den Menschen vorgaukeln, das Hamsterrad sei eben doch Freiheit wenn man es zwei Mal in der Woche verlassen darf, um auf einem Dach den Sonnenaufgang betrachten zu können.


1 Ja, man kann auch mal Goethe zitieren, wenn man es selber nicht besser sagen kann.

Quelle des transkribierten Texts: http://anti-uni.com/eines-tages-baby-werden-wir-alt-sein/#comment-25

Video: http://www.youtube.com/watch?v=fma__yBZRIY

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  • Gast - Neoliberalyse.de

    @ Andreas: Stimme Dir zu: ein billiger Trick.
    Echt grauenvoll nicht wahr?

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  • Hi Christopher,

    ha, sehr schön. Ist mir ein inneres Fest. Mir ging dieser Hype um die affirmativ inhaltsleere Instant-Poesie auch auf den Keks. Vor allem, weil es die gute Julia beim ersten sehen geschafft hatte, mich über einen einfachen Trick emphatischer Resonanz zu ködern.

    HGA

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